Belgrad
Nikola Tesla Airport
So
nah und doch so fern

Im
Juni 2010 wurden die Gespräche zur Aufnahme Serbiens in die Europäische Union
gestartet. Gerade einmal
491 km Luftlinie von Wien entfernt, ist die Hauptstadt Serbiens den meisten
Österreichern bislang völlig unbekannt. Belgrad, ist eine pulsierende junge
Stadt mit 1,3 Millionen Einwohnern und erinnert mit seiner Architektur an Wien.
Seit dem Zerfall des ehemaligen Staatenbundes, sucht das Land den Anschluss an
Europa und eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union scheint durchaus
realistisch. APPROACH hatte die Möglichkeit den Flughafen von Belgrad zu
besichtigen und berichtet über dessen positiven Zukunftsaussichten.

Belgrad bietet eine Vielzahl
an Sehenswürdigkeiten, die den meisten Österreichern bisher unbekannt sind.
Die
Geschichte
Die Geschichte der serbischen Zivilluftfahrt reicht 100
Jahre zurück. Aeroput, die Vorgängergesellschaft der
heutigen JAT eröffnete bereits im Jahre 1929 eine regelmäßige Verbindung
zwischen Belgrad und Wien. Nach dem zweiten Weltkrieg, die abziehenden deutschen
Verbände hatten den alten Flughafen bei ihrem Abzug im Jahre 1944 in Schutt und
Asche gelegt, verband die JAT als erste Gesellschaft im Jahre 1955 die beiden
Städte. Ab 1959 steuerte auch die neu gegründete Austrian Airlines wieder die jugoslawische
Hauptstadt an. Seit dem Jahr 1962 befindet sich der neue Flughafen von Belgrad in der unmittelbaren Nähe der Gemeinde Surcin, 18km westlich der Stadt. Die Bauarbeiten zum neuen
Flughafen begannen bereits im Jahre 1958 und dauerten bis zum 28. April 1962.
Der damalige jugoslawische Präsident Josip Broz Tito, ließ es sich nicht nehmen,
persönlich den neuen Flughafen seiner Bestimmung zu übergeben. Zum Zeitpunkt
der Eröffnung war der Flughafen von Belgrad einer der modernsten in Europa. Mit einer 3000 Meter langen Piste, dem neu
gebauten Terminal und Tower, sowie einem großzügigen Vorfeld, bekam die heimische
JAT jene optimale Infrastruktur geboten, die für deren spätere Expansion
notwendig war.
Der Flughafen von Belgrad
heute
1963 übernahm die nationale jugoslawische Fluglinie eine Caravelle, damit war das Jetzeitalter in Belgrad
angebrochen.
Obwohl der Staatenverbund seit Ende des zweiten Weltkrieges
unter russischem Einfluss stand, entschied sich JAT von Beginn an, zum Erwerb
von westlichem Fluggerät.
Anfang der siebziger Jahre erhielt JAT eine erste Boeing 707geliefert, damit
konnten erstmals auch Langstreckenziele ab Belgrad direkt angeflogen werden. Zwischen den Jahren
1975 und 1990 legten die Passagierzahlen in Belgrad kontinuierlich zu und 1987,
wurde ein Passagierrekord mit 3,4 Millionen abgefertigten Passagieren am
Flughafen verzeichnet. Mit dem Erwerb von zwei DC-10-30 wurden weitere
Langstreckenziele in Nordamerika in den Flugplan aufgenommen. JAT war zum
damaligen Zeitpunkt vielen südosteuropäischen Airlines um einiges voraus und
der Flughafen von Belgrad profitierte von dieser Entwicklung. Die Gesellschaft
bot Direktverbindungen in alle Teile der Welt an und am Flughafen von Belgrad
waren die großen Airlines der Welt (Qantas, Pan Am, Iraq Airways, Air China) heimisch. Ab Belgrad wurden
Langstreckenflüge nach New York, Los Angeles, Chicago, Cleveland, Detroit,
Montreal, Toronto, Melbourne, Sydney, Perth und Peking angeboten.
Der
Zerfall Jugoslawiens
Der Ausbruch des Jugoslawien-Krieges zwischen 1991 und 1995
und der damit verbundene Zerfall des jugoslawischen Staatenbundes, lösten am
Flughafen in Belgrad eine lang anhaltende Rezession aus.
Die Kriegsjahre und der damit verbundene Stillstand im
zivilen serbischen Luftverkehr verursachte Probleme, die bis heute andauern.
Aufgrund von UN Sanktionen zwischen Anfang 1992 und Oktober 1994 durften keine
internationalen Flüge nach Serbien durchgeführt werden. Während dieser Zeit
wurden nur Inlandsflüge nach Nis, Pristina, Uzice, Podgorica und Tivat regelmäßig
durchgeführt. Nach Lockerung der Sanktionen, führte am 5. Oktober 1994 der
erste internationale Linienflug der JAT nach Moskau. Gleichzeitig nahm auch die
russische Aeroflot wieder den Liniendienst nach Belgrad auf.
Die Eskalation im Kosovo Krieg führte dazu, dass NATO Luftstreitkräfte,
zwischen März und Juni 1999, Ziele in Serbien und Belgrad bombardierten. Dadurch
kam der Verkehr am Flughafen von Belgrad in diesem Zeitraum wieder zum Erliegen.
Die langen Kriegsjahre hinterließen ihre erkennbaren Spuren in der serbischen Zivilluftfahrt.
Neben einer kränkelnden Wirtschaft brach der Flugverkehr fast zur Gänze
zusammen. Wurden Ende der achtziger Jahre mehr als drei Millionen Passagiere in
Belgrad abgefertigt, so konnten im Jahre 2000 nur noch 1.280.527 Passagiere
gezählt werden. Nach einem neuerlichen Anstieg der Passagierzahlen bis zum Jahre 2008 (2.650.048 abgefertigte
Passagiere), verursachte die Weltwirtschaftskrise im vergangenen Jahr, einen
neuerlichen Passagierrückgang. Der Nikola Tesla (berühmter Erfinder) Airport
musste im Jahr 2009 einen Passagierrückgang von 10% verzeichnen.

Airlines aus dem ehemaligen
Staatenbund Jugoslawiens, dominieren auch heute noch das Vorfeld

Der Home Carrier JAT kämpft ums Überleben……………….

…………während ausländische Low cost Airlines den Markt
übernehmen!
Der heutige Flughafen bietet eine Kapazität von jährlich 5
Millionen Passagieren. Im Terminal 1, dem kleineren und älteren der beiden
Gebäude, werden Charter und einzelne Linienflüge abgefertigt. Terminal 2
verfügt über eine größere Grundfläche und wurde erst im Mai 2006 einer
Generalüberholung unterzogen. Der Abflugbereich befindet sich im ersten Stock
des Gebäudes, drei Duty Free Shops sowie mehrere
kleine Lokale laden zum Verweilen ein. Im Eingangsbereich des Terminals
befinden sich die Check- In Schalter. Für die Passagiere der Low Cost Airlines wurden in diesem Bereich, Self
Service Check In Schalter errichtet.
Die beiden Terminals verfügen über 13 Fluggastbrücken und
selbst kleinere Flugzeuge wie eine ATR 72, werden auf Pier Position abgestellt.
Neben einer großzügigen Parkfläche für Flugzeuge der General Aviation, bietet Belgrad derzeit 23 Abstellpositionen für
Verkehrsflugzeuge. Im November 2008 wurde am Flughafen ein neues ILS CAT IIIb Landesystem eingeführt, wodurch Ausweichlandungen fast
ausgeschlossen werden können. Investitionen werden und wurden in jüngster
Vergangenheit in den Bereich der Infrastruktur, wie z.B. den Ankauf von Passagierstiegen
und Vorfeldbussen der Firma Cobus getätigt. Derzeit
wird der Flughafen von 32 Fluggesellschaften angeflogen und bietet Verbindungen
zu 51 Destinationen. Größter Airline Kunde am Flughafen ist JAT mit ca. 48%
Gesamtaufkommen. Die Airlines der Star Alliance
(Swiss, Lufthansa & Austrian) sind für einen Großteil der restlichen
Verbindungen verantwortlich. Neben Lufthansa (München und Frankfurt) und Swiss
(Zürich), machen die Linienverbindungen
nach Wien einen großen Teil des Aufkommens aus.
Austrian Airlines und JAT fliegen seit kurzem im
Codeshare bis zu 31x wöchentlich zwischen Belgrad und Wien.
Bei den Charterdestinationen wird der Geschmack der
restlichen Europäer geteilt. Ägypten, Griechenland, die Türkei und Tunesien
sind die wichtigsten Urlaubsdestinationen ab Belgrad.
Obwohl jahrelang verbittert mit den Nachbarn gekämpft
wurde, besteht heute ein dichtes Linienangebot in die ehemaligen Teilrepubliken
Jugoslawiens.

BH Airlines verbindet
Sarajevo mit der ehemaligen Hauptstadt
BH Airlines verbindet mit einer ATR 72 sechsmal
wöchentlich Belgrad mit Sarajevo. Adria Airways, Montenegro Airlines und JAT fliegen nach Laibach,
Ohrid, Skopje, Tivat, und Portoroz. Den Homecarrier JAT plagen
seit Jahren schwere Finanzprobleme, ein Versuch die Gesellschaft im Jahre 2008
zu privatisieren misslang.
Trotz anders lautender Gerüchte, hat es die Gesellschaft
bis heute geschafft am Markt zu bestehen. Derzeit bedient JAT dreißig Strecken ab
Belgrad an, dafür stehen der Airline noch 16 Flugzeuge (Boeing 737 & ATR
72) zur Verfügung.
JAT Technik, früher ein riesiges Wartungsunternehmen für
DC-10 und Boeing Flugzeuge, verfügt auf ihrer Heimatbasis über zwei
Wartungshangars.

Zufahrt zum Terminal 1
(Vordergrund) & Terminal 2

Terminal 1 versprüht noch den Charme der sechziger Jahre………

………..während Terminal 2 dem allgemeinen Standard
entspricht!
Zukunftsaussichten
Für den Flughafen und dessen positive Entwicklung
sprechen zwei Dinge:
Die politische Entwicklung des Landes und die Annäherung an die EU haben dafür
gesorgt, dass für die Serben seit dem 19. Dezember 2009, die Visapflicht für
Reisen in Länder der EU, aufgehoben wurde. Dies wiederum hat dazu geführt, dass
seit diesem Zeitpunkt ein Passagieranstieg von +20% in Belgrad verzeichnet
werden konnte. Davon profitierten besonders die Verbindungen nach Mailand
(+45%), München (+44%), Prag (+40%), Rom (+32%) und Wien (+30%). Der zweite
positive Umstand betrifft die Tatsache, dass sich in jüngster Zeit immer mehr
Low Cost Airlines für den Flughafen von Belgrad
interessieren.

Bereits heute fliegen Norwegian
Air Shuttle (Kopenhagen), Wizz Air (Dortmund, London
Luton), Germanwings (Köln) und seit 1. Februar 2010,
auch NIKI (Wien) nach Belgrad. Das Flughafen Management in Belgrad bemüht sich
den aktuellen Luftfahrtboom zu nutzen. Sichtbares Zeichen für die Bemühungen
des Flughafen Belgrad um Neukunden, ist der Gewinn der Auszeichnung „€uro
Annies 2010“.
Dieser Preis wird jährlich von dem internationalen Luftfahrt Online Magazin www.anna.aero, für die erfolgreiche Anwerbung
neuer Airlines vergeben.
Belgrad erhielt die Auszeichnung für die Neugewinnung von insgesamt zehn neuen
Airline Kunden innerhalb nur eines Jahres. Seit Mai 2009 hat sich diese Zahl
auf insgesamt 17 neue Airlines vergrößert!

Ein Blick über die Belgrader
Vorfeld Einrichtungen
Nikola
Djukic (Pressesprecher Belgrad Nikola Tesla Airport),
freut sich im Gespräch mit APPROACH über die Ankurbelung des Verkehrs durch die
Low Cost Airlines, den Wegfall der Visapflicht sowie
den Gewinn der €uro Annie Auszeichnung; „Die Low Cost
Airlines waren wichtig für den Flughafen von Belgrad, als auch für die Serben
selbst. Bisher gab es keine Möglichkeit zu niedrigen Tarifen zu fliegen.
Seitdem sich das Angebot durch die Low Cost Airlines vergrößert
hat, sind die Preise drastisch gefallen und mehr Leute können sich das Fliegen
leisten! Der Wegfall der Visapflicht hat natürlich zusätzlich geholfen die Passagierzahlen
anzukurbeln. Für das Jahr 2010 könnten sich vielleicht sogar schon drei
Millionen abgefertigte Passagiere in Belgrad ausgehen! Der Gewinn der €uro Annie Auszeichnung macht
uns Stolz und bestätigte unsere Bemühungen.“

Nikola Djukic
(Pressesprecher), blickt überaus optimistisch in die Zukunft
Auch wenn die letztjährigen Prognosen für das Jahr 2010,
von einem Passagierplus von nur + 6% ausgehen, dürften die jüngsten Zahlen zu
einer Neubeurteilung der Situation beitragen. Sollten die Passagierzahlen der
vergangenen Monate anhalten, wird der Ausbau des Terminals, der Fracht, als
auch der Neubau einer zweiten Piste bis zum Jahr 2030 bereits angedacht.
Der Flughafen von Belgrad befindet sich
am richtigen Weg, am Weg ins restliche Europa.
Martin
Dichler
www.beg.com