Ein Vorstandsgespräch….

Jetzt sitzen wir also im VIE Vorstandsbüro von Mag. Julian Jäger im 10.Stock des Office Park 1 und genießen bei einem gemeinsamen Kaffee den Ausblick auf das Flughafenareal. Wir, das sind mein Vize Gernot Kastner und ich in meiner (noch) Funktion als Obmann der Flughafenfreunde Wien. Wir haben einen persönlichen Termin mit dem Flughafenvorstand vereinbart, um die Zukunft des Vereines zu besprechen und dabei gleich im Rahmen eines Interviews, über die diesjährigen Erfolge am Flughafen Wien zu sprechen.

Zu Beginn des Jahres hatten Sie noch die Sorge, dass durch den Konkurs von AB/Flyniki ein schwieriges Jahr bevorstehen könnte. Hätten Sie sich jemals eine Entwicklung wie in den ersten 3 Quartalen erträumt?

Mit diesem Ausmaß hatten wir nicht gerechnet, wir hatten die Prognosen für die Entwicklung ursprünglich wesentlich konservativer eingeschätzt. Vor zwei, drei Jahren hat die Air Berlin Gruppe noch 20% Marktanteil in Wien gehabt, inzwischen ist der Wegfall mehr als kompensiert worden, insofern wurde eine Entwicklung eingeschlagen, mit der so nicht zu rechnen war. Die Märkte wie z.B nach Asien entwickeln sich zudem mit einem Zuwachs von über 30% derzeit extrem gut und in Westeuropa sind wir mit den neuen Low Cost Verkehr ebenfalls sehr gut unterwegs. In Summe ist auch der Ausblick auf die Entwicklung für den Rest des Jahres sehr positiv!

Der Flughafen Wien hatte zuletzt einen Low Cost Anteil von 16%, wie hat sich die Situation im Laufe des Jahres durch LEVEL, WIZZAIR & Co. geändert?

In den ersten 3 Quartalen des heurigen Jahres, hatten wir im Vergleich zum Vorjahr, eine Steigerung auf 22% am Gesamtaufkommen zu verzeichnen.

Dieser Wert ist im Europavergleich aber eigentlich immer noch sehr niedrig?

Mir ist insgesamt ganz wichtig folgendes festzuhalten! In den letzten Wochen wurde immer von einer Low Cost Explosion am Flughafen Wien gesprochen. Ich glaube aber, dass wir im Vergleich zum Rest Europas (30 – 40%) einen Nachholbedarf hatten und keine Trendsetter bei dem Thema sind. Die Dynamik die sich dabei entwickelt hat, entstand durch die Air Berlin/Flyniki Pleite. Die Low Cost Airlines haben auf die gebotene Chance reagiert und eine Chance gesehen, sich möglichst schnell in Wien zu etablieren.

Mit HAINAN Airlines (Shenzhen), ANA (Tokio) und AIR CANADA (Toronto) steuern drei neue Fluglinien den Flughafen Wien an. Sehen Sie noch ein ungenutztes Potential im Markt, auf der man eine neue Langstreckenverbindung aufbauen könnte?

An und für sich ist mit den neuen Airlines schon viel erreicht worden. Wir bleiben aber dran und hoffen, dass in den nächsten beiden Jahren noch die eine oder andere Fluggesellschaft dazu kommt. Vor Jahren haben wir unsere Priorität mit der Langstrecke, den Hub der AUA und den Low Cost Verkehr festgelegt. Die Langstrecke hat sich inzwischen super entwickelt, wir sind sehr oft vor Ort unterwegs und führen mit allen relevanten Airlines regelmäßig Gespräche. In China gibt es sicherlich noch einiges an Potential für den Flughafen Wien, denken Sie nur an die zahlreichen bei uns relativ unbekannten Millionenmetropolen. Es gibt also in Asien noch die eine oder andere interessante Destination für uns.

Mit der LEVEL (IAG Group) ist eine weitere Low Cost Marke nach Wien gekommen, die bislang nur für ihre Langstreckenflüge ab Barcelona und Paris bekannt war. Glauben Sie, dass es für diese Art der Billigflüge auch in Österreich einen Markt geben könnte?

Ich bin davon überzeugt, dass Wien kein schlechter Markt für diese Art des Fluggeschäftes wäre. Wir hatten zum Teil schon in Asien Gespräche mit solchen Airlines. Mit der LEVEL Basis in Wien haben wir nun einen strategischen Vorteil in Europa. Willie Walsh (CEO IAG Gruppe) hat ja bereits bei seiner Pressekonferenz im Juli davon gesprochen, dass man neue Standorte evaluiert und Wien durchaus eine Option wäre, wenn gleich noch nichts fix entschieden ist. Das Angebot auf der Langstrecke unseres Flughafens ist für die Entwicklung der Region, den Tourismus und vor allem auch für den Konferenztourismus, ein entscheidender Punkt.

Der heurige Sommer war von Flugverspätungen und Flugausfällen gekennzeichnet. Sie haben anlässlich des letzten Luftfahrtsymposiums davon gesprochen, dass man ein Chaos wie in diesem Jahr verhindern möchte. Wird sich eine Situation wie 2018 auch im nächsten Jahr wiederholen oder hat die Branche aus ihren Fehlern gelernt?

Das glaube ich schon und ich hoffe, dass jeden in der Branche bewusst ist, dass man sich einen Sommer wie den letzten, nicht wieder leisten kann. Man muss vorsichtig sein mit Schuldzuweisungen, jeder muss für sich aus seinen Fehlern lernen. Man muss aber schon eines sehen, wir haben in Österreich heute bedeutend weniger Flugbewegungen als noch vor zehn Jahren. In Deutschland gibt es bereits erste Rufe, dass man die Kapazitäten der Flughäfen beschränken sollte. Dafür sehe ich überhaupt keine Veranlassung! Wir müssen uns gemeinsam überlegen, wie wir als Luftfahrtbranche auch zukünftig wachsen können?

Wurde die Industrie aufgrund des Kostendrucks zuletzt kaputt gespart?

Natürlich muss man auch sehen, dass in der Luftfahrt in den letzten Jahren an allen Ecken gespart wurde. Kürzere Flug und Umkehrzeiten, weniger Reservecrews, externe Einflüsse wie Unwetter und andere Faktoren machten es zuletzt schwierig, verloren gegangene Zeit wieder aufzuholen. Aus diesem Grund müssen wir uns gemeinsam überlegen, wo wir wieder Puffer einbauen können, damit die Situation im nächsten Jahr besser wird.

Ein neuer Office Park, ein zusätzliches Airport Hotel, ein Health Center oder der Terminalumbau verändern in den nächsten Jahren das Bild des Flughafens. Denkt man in Wien eigentlich auch darüber nach eine Event & Veranstaltungsfläche, ähnlich wie in München zu errichten, um auch andere Kundenschichten anzusprechen?

Ein echtes Veranstaltungszentrum wie beim Mitbewerber ist nicht geplant. Mittelfristig wollen wir aber das Gebiet zwischen dem Terminal, den Parkhäusern und NH Hotel entwickeln. Das ist sicherlich eine Entwicklungsfläche, wo wir mehr Landside Shopping und Konferenzflächen schaffen möchten.

Der Flughafen steht in den nächsten Jahren durch den Umbau seiner Terminal Infrastruktur vor großen Herausforderungen. Überlegt man ähnlich wie beim Terminal 1A, zusätzliche Einrichtungen zu schaffen, um den Passagierverkehr problemlos abfertigen zu können oder reichen die vorhandenen Kapazitäten aus?

Im Check-In Bereich reichen die Kapazitäten durch die verstärkte Automatisierung an den Self-Service Schaltern aus. Im Gate Bereich benötigen wir interimistische Lösungen für Bus Gates,die im Umfeld des Pier West und Terminal 3 errichtet werden. Wir sanieren den Terminal 2 im laufenden Betrieb sowie den Pier Ost, das wird sicher Herausforderungen für das gesamte System bringen. Dafür werden wir aber Lösungen haben.

Zusätzlich wächst das Passagierwachstum ständig, weshalb wir großflächig in den nächsten 12 Monaten neue Flugzeugabstellflächen im Westen des Flughafens schaffen, um die Zeit während der Umbauphase zu überstehen. Es wird sicherlich nicht immer ganz einfach werden, aber der positive Ausblick auf das fertige Produkt, das neue Passagiererlebnis mit einem erhöhten Passagierkomfort, einer zentralen Sicherheitskontrolle und bedeutend mehr Gastronomie & Shoppingflächen, wird darüber hinweg helfen.  

Martin Dichler